70 Jahre St. Marien, Predigttext zum Festgottesdienst
28. Sonntag Jk A – 2026 – 70 Jahre Kirchweihe/Pfarrei Herrliberg
11.Okt. 2026
Jes 25, 6-10a; Mt 22, 1-10 – Kurzfassung
Ich weiss nicht, wie es Ihnen beim Hören der heutigen Lesung ergangen ist.
Das Wasser könnte uns im Mund zusammenfliessen, wenn wir hören, wie der Prophet Jesaja das Festmahl der Völker in leuchtenden Farben schildert.
Möglich, dass einige bei den erlesenen Weinen bereits an den Apero gedacht haben, der uns nach dem Gottesdienst erwartet.
Um was geht es dem Propheten?
Jesaja gibt uns eine Vision von der Absicht Gottes mit seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen, seiner Welt und uns Menschen.
Er braucht dazu starke Hoffnungsbilder.
Gott hofft, dass die Völker der Erde einmal so weit kommen, dass sich alle an einen Tisch setzen und miteinander ein Festmahl halten.
Vielleicht ist der runde Tisch der Vereinten Nationen ein bescheidener Anfang dieser endzeitlichen Vision des Propheten Jesaja.
Wo sich die Verantwortlichen der Völker zusammensetzen, da schwindet das Misstrauen, wächst schon heute die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, lassen sich Konflikte friedlich beilegen.
Wo alle Völker ein gemeinsames Mahl halten, wird nach dem Propheten noch mehr möglich.
Gott hofft, dass wir Menschen auch einmal so weit kommen, dass niemand mehr zu hungern braucht; dass wir Menschen die Güter dieser Erde so aufteilen, dass alle satt werden.
Zu schön, um wahr zu sein, dürften wohl die meisten von uns insgeheim denken.
Wir erleben zurzeit das pure Gegenteil dieser prophetischen Vision.
Am Tisch der Vereinten Nationen gibt es keine Einigkeit.
Völker stürzen sich in immer neue Kriege.
Tag für Tag hören wir vom Elend hungernder Menschen.
Wir sehen Bilder von weinenden Kindern, Frauen und Männern.
Liebe Schwestern und Brüder
Jesus hat die Hoffnungsbilder des Propheten Jesaja zu seiner Zeit umgesetzt.
In seinem kurzen dreijährigen Wirken hat er gezeigt, dass das Festmahl wenigstens anfanghaft schon heute stattfinden kann.
Immer wieder sagt er uns in den Evangelien:
Das Himmelreich ist mitten unter euch, wo immer Hungernde gespeist und Lahme aufgerichtet, Verwundete geheilt und Tränen getrocknet werden.
Das Festmahl ist bereitet.
Das Essen steht auf dem Tisch. Kommt zur Hochzeit! Folgt mir nach.
Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr einander tut, wie ich an euch getan habe.
Zu denen, die die Einladung Jesu angenommen haben, gehören auch die Gläubigen der katholischen Pfarrei und Kirchgemeinde von Herrliberg.
Es war vor 70 Jahren.
Da konnte diese stimmungsvolle Kirche geweiht und unter den Schutz unserer Lieben Frau Maria Himmelfahrt gestellt werden.
Aktive Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche haben die Einladung Jesu angenommen, sich am Aufbau einer lebendigen Glaubensgemeinschaft beteiligt.
Die Begeisterung war gross.
Heute ist die Situation anders.
Wir stehen inmitten eines epochalen Umbruchs.
Umfragen zur Entwicklung unseres kirchlichen Lebens sagen uns beinahe mantraartig:
Das kirchliche Leben in unseren Pfarreien nimmt ab, die Beteiligung der Gläubigen wird weniger, manche Pfarreien werden in Zukunft nicht mehr sein. Müdigkeit und Resignation machen sich breit.
Nach meiner Beobachtung ist daran vieles richtig, aber ebenso vieles falsch.
Pfarreien, die den Kopf hängen lassen, resignieren und sich sagen:
Es ist unser Schicksal und der Gang der Zeit, dass wir abnehmen, werden weiter schrumpfen.
Pfarreien dagegen, die der Verheissung des Evangeliums vertrauen, auf das Wort Gottes bauen und die Hoffnung nicht aufgeben, wachsen auch heute.
Denn Gott gibt niemals auf.
Immer wieder schickt er seine Boten aus, geht auf die Strassen und Plätze und lädt alle an seinen Tisch. Niemand ist ausgeschlossen. Alle sind eingeladen, die Guten und die Bösen, die Gerechten und die Ungerechten.
Das macht uns Mut, seiner Einladung zu folgen.
Es ermutigt uns, das uns Mögliche zur Erneuerung der Kirche und unserer pfarreilichen Gemeinschaften zu tun.
Die Kirche von morgen wird zahlenmässig kleiner, finanziell ärmer, aber ich hoffe, bescheidener, demütiger und glaubwürdiger sein.
Der Philosoph und Soziologe Hans Joas wurde vor zwei Wochen im Radio DRS von der Moderatorin gefragt:
Professor Joas: Sie sind katholisch und aktives Glied ihrer Kirche.
Warum treten sie nicht aus, wie viele andere?
Hans Joas gab zur Antwort:
Viele Zeitgenossen haben den Kern unseres Glaubens noch nicht entdeckt.
Sie hören von der Schwerfälligkeit ihrer Kirche, von ihren Skandalen und Glaubenssätzen, mit denen sie wenig anfangen können.
Davon lässt sich nicht leben.
Wer hingegen zum Kern der Botschaft Jesu vorstösst, der findet, was er sucht.
Es ist Botschaft Jesu von der Geschwisterlichkeit aller Menschen.
Es ist das Evangelium von der Gerechtigkeit, dem Frieden auf Erden und dem sorgfältigen Umgang mit Gottes Schöpfung.
Es ist die Botschaft von Respekt, Toleranz und Bereitschaft zum Dialog.
Ich kenne keine bessere Alternative.
Liebe Festgemeinde
Wir haben Grund zur Hoffnung.
Leben und bezeugen wir diese Werte des Evangeliums.
Dann brauchen wir uns um die Zukunft unserer Pfarreien nicht zu sorgen.
Amen.